Wenn Leute das Wort “Linux” hören denken sie automatisch an irgendwelche Nerds, die mit ihren 5 Dioptrien Brillen in dunklen Zimmern ohne Tageslicht sitzen und geheimnisvolle Befehle über ein schwarzes Fenster auf ihrem Bildschirm eingeben und daraufhin noch kryptischere Ausgaben von ihrem Rechner erhalten.

Das ist so in etwa das völlig überzogene Bild bzw. der Stereotyp den man von “Otto-Normal-Menschen” erwartet, wenn sie das Wort Linux hören.

“Zu kompliziert”, “da läuft ja nix drauf”, “was kostenlos ist kann nix taugen”. Na findet sich da das eine oder andere Vorurteil wieder das man selbst auch hat? Zeit mal damit aufzuräumen und auch mal ein paar Vorteile dieses Betriebssystems anzupreisen. Gerade auch von dem Hintergrund, dass ich jetzt 2020 komplett auf Linux gewechselt bin. Sprich: Ich hab keine laufende Windows oder MAC OS Installation mehr zuhause.

Zugegeben, anfangs fühlt es sich komisch an, da man ja eigentlich dieses Windows Feeling (bzw. Mac OS feeling) hat, und plötzlich dann sich mit einem anderen Betriebssystem auf einmal konfrontiert sieht. Gerade Menschen die ihr gesamtes digitales Leben auf Betriebssystemen aus Redmond oder Cupertino unterwegs waren dürfte dieser Schritt nicht leicht fallen. Aber wie mit Schwimmen lernen oder Fahrrad fahren. Man muss es einfach mal machen, dann sieht man auch das es gar nicht so schlimm ist.

Mit diesem Artikel möchte ich ein wenig die “Angst” vor Linux nehmen. Vielleicht auch ein wenig Neugierig machen und vielleicht überzeugt der Artikel ja auch mal eine Test-Installation zu probieren. Vielleicht am Ende sogar das System, wie bei mir nach einer Anlaufzeit dann als Hauptbetriebssystem zu nutzen.

Mehr Performance

Das wohl beste Argument für Linux ist die Performance. Stellt man zwei identische PCs nebeneinander (1x mit Linux und einmal mit Windows 10) Wird die Linux Maschine immer Performancetechnisch die Nase vorn haben. Es nutzt wesentlich besser die gegebenen Ressourcen aus und kommt auch wesentlich schlanker daher.

Auch hier ein direkter Erfahrungsbericht: Meine letzte Windows 10 Installation hatte am Ende ein Windows-Verzeichnis das stolze 27 GB (!) groß war. Die Linux Distribution die ich nutze (Ubuntu Linux) kommt mit 4 GB aus.

Kleiner aber feiner Unterschied, den man vor allem beim Startvorgang und beim laden von Programmen bemerkt. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich mal nach der Installation so ein paar Programme geöffnet hab (installiert wurde es auf einer Samsung EVO840 SSD). Firefox war eigentlich sofort da und auch andere Programme öffnen so schnell, dass man als Microsoft-User erstmal erstaunt ist. Zumal, wenn man Linux auf dem gleichen Rechner und auf der gleichen Festplatte installiert. Wenn man einen älteren Rechner hat und aus “der alten Kiste” noch mehr raus holen will, dann ist Linux definitiv eine Überlegung wert.

Mehr Sicherheit

Linux ist mit Sicherheit keine Garantie für auf ewig sorgenfreies surfen im Netz. Auch für Linux gibt es Schadsoftware. Aber im Vergleich zu Microsoft gibt es nur einen Bruchteil der Schadsoftware für Linux als für MacOS und für Windows. Und das hat ein paar relativ einleuchtende Gründe:

  • Es gibt nicht so wirklich viele Linux-PCs im Markt. Linux hat etwa einen Anteil von 2% unter den Desktop Betriebssystem. Somit ist Linux per se nicht wirklich ein attraktives Ziel für Viren Entwickler. Dazu kommt noch das Linux-User in der Regel Computer affin bis zu extrem Computeraffin sind. Diese Menschen gehen anders mit ihren PCs um, wissen was man machen kann und was man lieber bleiben lassen sollte. Das senkt auch schon einmal die “Infektionsrate”.
  • Linux ist nicht gleich Linux. Debian, Ubuntu oder Red Hat sind Linux Varianten die im Kern zwar gleich sind, aber in der Weiterentwicklung sich teils gravierend unterscheiden. Daher kann man auch nicht den “einen” Linux-Virus programmieren, was die Reichweite nochmals einschränkt.
  • Linux-User sind, wie oben schon angedeutet, in der Regel versierter wenn es Computer geht. Ein einfaches “Ja” klicken wie bei Microsoft-Usern wird man in der Regel nicht finden. Zumal jede Installation in der Regel per Admin-Passwort bestätigt werden muss.

Sieht man vom letzten Punkt ab, bietet sich Linux genau aus dieser „Unattraktivität“ gerade für Nutzer an, die wenig bis keine Ahnung von Computern haben. Die Chance sich áuf Linux irgendwelche Schad-Software einzufangen ist wesentlich geringer, als das bei Windows-PCs der Fall ist.

Linux ist kostenlos und man ist unabhängig

Während sich Microsoft die neuen Versionen gerne mal fürstlich bezahlen lässt (oder mal gnädigerWeise ein kostenfreies Upgrade auf Windows 10 einem anbietet) ist Linux eigentlich seit jeher for free. Egal ob es RedHat, Mint oder Ubuntu im Namen stehen hat….Linux war immer free. Gut, fairerWeise muss man diese Judas von Suse Linux erwähnen, die früher auch mal for free waren, aber eine kommerzielle Version von Linux draus gemacht haben. Mir fallen gerade ein paar echt miese Schimpfwörter an dieser Stelle ein, die ich aber nicht nennen werde. Jedenfalls haben diese Suse Buben eine Linux Version an den Start gebracht, für die man dann halt mal 42 Euronen pro Jahr (!) hinblättern soll. Als Firmenkunde! Was sich Suse dabei gedacht hat, I don´t know. Ob es sich auszahlt? I don´t know. Ob ich es cool finde für Linux zu bezahlen: Nein.

Aber die anderen Distributionen von Ubuntu, Debian und Redhat sind weiterhin kostenlos. Und darin liegt auch die grosse Stärke von Linux. Da so ziemlich alles Open-Source ist und dahinter wiederum eine riesen Community steht, kann hier auch weiterhin dieser gemeinnützige Gedanke weitergetragen werden, ohne das man die Befürchtung haben muss das irgendwann der “Mann mit dem großen Geldkoffer” daher kommt und anfängt hier Reglementierungen einzuführen.

Games

Eigentlich eines “DER” Killerkriterien bei Linux….bis dato. Aber ist dem wirklich so? Vor 15 Jahren hätte ich dem wahrscheinlich auch noch zugestimmt. Aber damals gab es auch noch die meisten Spiele nicht online sondern man musste diese in den Boxen kaufen und dann per DVD (oder davor per CD) installieren. Seitdem Breitband-Internet alltagstauglich ist und Rechner inzwischen kaum noch überhaupt mit DVD Laufwerken ausgliefert werden (Notebook noch viel weniger) haben sich Online-Dienste daran gemacht Spiele per Download an den Mann/die Frau zu bringen. Einer der größten Distriputoren dafür ist Steam. Bei Steam lässt sich so ziemlich jedes aktuelle Spiel käuflich erwerben bzw. ist dort als Free-to-Play zu haben. Und jetzt ratet mal, welcher Client auch Linux-tauglich ist?

So gesehen ist Linux inzwischen auch spieletauglich. Zumindest die Sachen die ich zocke (z.B. Dota2) sind alle verfügbar. Ein kurzer Check hat mir gezeigt, dass auch andere Mainstream Titel wie Fortnite  unter Linux zum laufen gebracht werden können. Andere Titel kann man über den Umweg Wine auf Linux laufen lassen. Da muss ich fairer Weise sagen das ich keine Aussagen über die Performance treffen kann.

Anpassung /Customizing

Was mir an Linux auf Anhieb gefallen hat, ist die Anpassbarkeit des Systems. Faktisch gibt es hier keinen Unterschied zu Windows. Eigentlich kann ich sogar mehr anpassen. Vom Desktop bis zu den Icons gibt es eigentlich nichts das sich nicht anpassen lässt. Dazu gibt es alle Features, die man auch von Windows bzw. Mac OS kennt (Multi-Desktops, Widgets).

Ich persönlich hab mich bei Linux für Ubuntu Linux mit der Cinnamon Oberfläche entschieden, die die Linux Mint User recht gut kennen dürften. Dazu hab ich mir ein paar Mac Icon-Sets geholt und voilá fertig ist mein Linux!

Mein Desktop. Ich liebe "clean desktops"

Wiederherstellung bzw. Neu-Installation

Auch wenn das in der Regel nicht so häufig vorkommt, so ist eine Neu-Installation unter Linux eine echte Wonne. Innerhalb von 5 Minuten hat man (sofern man den entsprechenden USB-Stick mit seiner Linux-Installation hat) ein komplett einsatzfähiges System. Bei Ubuntu hat man nach 5 Minuten auch schon alle Basis-Programme gleich mit installiert (sprich: Office-Suite, Games und noch einiges mehr). Das kann man mit keinem Windows oder Mac OS hinbekommen! Nachdem das System dann wieder läuft kann man nebenbei noch seine Updates fahren, was man bei Windows ja bekanntlich nicht kann. Mit Schrecken erinnere ich mich hier an die Neu-Installation und die 157 Update-Pakete von Windows 7 was dann STUNDEN (!) gedauert hat, bis da wieder alles wieder an seinem Platz war.

Wenn man seine Daten brav auf einer zweiten Festplatte oder Partition gesichert hat, ist die Hemmschwelle mal das komplette System platt zu machen und neu aufzusetzen relativ gering. 

Programme für das tägliche Leben

Als ich das erste Mal Linux vor knapp 20 Jahren installiert hab war Linux noch schwer mit dem Terminal verknüpft wo man für Ausstehende Befehle eintippen musste um Programme installieren zu können. Das war ein Pain in the ass und für den Otto-Normal-Nutzer alles Andere als benutzerfreundlich. Auch war die Auswahl an Programmen reichlich eingeschränkt und die Programme die es gab sahen auf Deutsch gesagt Sch*** aus. Ums kurz zu machen, Linux war meiner Meinung nach nicht massentauglich.

Seit dem ist eine Menge Wasser den Rhein runtergeflossen und die Entwicklung von Programmen auch unter Linux ist weiter gegangen. Für die tägliche Nutzung ist alles auch unter Linux vorhanden, dass der Otto-Normal-User benötigt. Selbst Programme die eher speziell sind (wie Foto-Raw-Bearbeitungsprogramme) sind kostenlos verfügbar. Kostenlos ist sowieso das Stichwort. Wie auch Linux von der Open-Source Community betrieben wird, sind die meisten Programme und Tools unter Linux kostenlos. Im Ubuntu Store findet man so ziemlich alles was was das Herz begehrt.

Und in einem Zeitalter der Cloud-Applikationen gibt es sowieso eigentlich schon eine Menge Tools, die sich bequem aus dem Browser laufen lassen. Ob das Google mit seiner Office-Suite und der Vielzahl seiner Applikationen ist, oder auch Microsoft die ihr Office auch inzwischen in die Cloud portiert haben. Es gibt auch hier schon alles Möglich für die Alltagsnutzung was gar nicht mehr als native Lösung auf dem Rechner installiert werden muss.

Downsites

Bei aller Liebe, die ich inzwischen für Linux habe, gibt es dennoch ein paar Downsites/Nachteile die ich an dieser Stelle aber nicht unter den Tisch fallen lassen will.

Optik/UX

Auch wenn man eine Menge Sachen anpassen kann…gerade wenn man auch in der Mac OS Welt unterwegs ist bemerkt man diesen Drop in “Style”. Ich kann das schwer beschreiben, ich kann es nur an Beispielen fest machen:
Die Icons find ich nicht so schön. Auch wie die UX (User Experience) mancher Tools könnte man mal verbessern. Gerade bei den Bildbearbeitungstools ist eine Menge Room for improvement. GIMP sieht (wenn man Photoshop gewöhnt ist) echt gruselig aus. Und auch Darktable sieht aus als wolle man Lightroom machen, hat’s aber irgendwie nicht gekonnt. Das ist nur ein kleiner Downsite, aber für mich ist das Einer. Wie gesagt, ich komme auch aus der Mac Welt sprich: Aus der Welt des Schönen und Stylischen.

Adobe fehlt halt dann doch auf Linux

Es ist mir schleierhaft, warum Adobe nicht auf Linux geht. Gerade so ein Dickschiff wie Adobe sollte eigentlich auf Linux vertreten sein. Sind sie aber nicht. Ich würde liebend gerne jeden Monat die 10 EUR berappen für Photoshop und Lightroom. Kann ich aber nicht, weil die Herren bei Adobe wohl nicht den Markt sehen hier eine Linux Version ihrer Creative Cloud raus zu bringen. Somit muss ich mich mit Darkroom begnügen. Aber damit geht’s auch. Ich hab hier auch einen Workflow mir angelernt, mit dem ich meine Bilder bearbeiten kann, aber fairer Weise muss man sagen das dieser nicht so komfortabel ist wie der Lightroom/Photoshop Weg.

Grafikkarten Support durch NVIDIA und AMD

Während die großen Grafikkartenhersteller alle Nase lang neue Treiber für ihre GraKa’s für Windows auf dem Markt werfen, sieht s unter Linux irgendwie ziemlich mau aus. Zwar gibt es für Ubuntu auf der AMD Seite Treiber für Linux auf open GPL Basis aber die “volle Unterstützung” durch AMD und NVIDIA wie es bei Microsoft bzw. Mac OS der Fall ist.

Fazit

Linux ist über die Jahre wesentlich benutzerfreundlicher geworden. Von diesem Terminal Codezeilen Eingetippe ist man inzwischen weitgehend weg gekommen. Linux ist ein schlankes, effizientes Betriebssystem das auch für Normalo-User inzwischen vollkommen ausreicht und darüber hinaus über ein paar Vorteile gegenüber den Konkurrenzprodukten von Apple und Microsoft daher kommt. Geschwindigkeit, vollständige Anpassbarkeit, Sicherheit und eine Vielzahl von Programme die in der Regel kostenlos sind, sind nur einige der Vorteile die man als Linux User hat. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen das der Umstieg auf Linux “größer” aussieht, als er letztendlich ist. Und wenn man sich einmal “sein Linux” eingerichtet hat, dann sind es in der Regel eher externe Faktoren die einen Ärger machen (wie zum Beispiel unflexible User, die nicht mit der Zeit gehen und meinen noch mit überalteter Software und einer Anti-Cloud denke einem das Leben schwer machen). Jeder halbwegs technisch verständige und affine Mensch kann sich heutzutage relativ problemlos zwischen den Betriebssystem-Welten umherbewegen.

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